"I love mission impossible!"

(Helmy Abouleish, CEO Sekem – „Wunder der Wüste“)

STIMMEN FÜR EINE HELLERE ZUKUNFT

WIR HABEN NUN SCHON VIEL über jene Persönlichkeiten gehört, die ich so gerne Purpose-Pioniere nenne – über das, was sie auszeichnet, was sie bewegt und motiviert; über ihre inneren und äußeren Führungsqualitäten; darüber, warum sie nicht aufgeben, und wie sie nach grundlegenden Natur- und Lebensgesetzen handeln.

Aber wie zeigt sich all das in der Praxis – in konkreten Beispielen, Haltungen und Aussagen? Wie sind Purpose-Pionierinnen und -Pioniere wirklich, im „richtigen Leben“? Wie spiegeln sich die zuvor beschriebenen Merkmale in ihrem authentischen (Führungs-)Profil wider?

Ich wollte es selbst herausfinden – und habe mich mit fünfzehn beeindruckenden Persönlichkeiten mit Purpose getroffen, um über ihr faszinierendes Wirken zu sprechen. In Gesprächen, die intensiver und berührender waren, als ich es erwartet hätte, durfte ich sie kennenlernen – so nah und ungeschminkt, dass mir manches Mal Tränen der Rührung in die Augen stiegen.

Michael und ich haben sie gefragt, welchen Purpose sie verfolgen, wie sie ihn gefunden haben, und was sie geprägt hat – ihre Lebensgeschichten, Erfolge, Enttäuschungen, Rückschläge. Wir wollten wissen, was sie zweifeln lässt, woran sie glauben, welche Werte sie tragen, welche Führungs- und Lebensprinzipien sie leiten, woher sie ihre tiefe Freude und Erfüllung, ihr stilles Lächeln nehmen.

Dabei wurde uns schnell klar: Sie sind keine Helden – und doch haben sie Heldenhaftes vollbracht. Sie sind keine Führer – und doch inspirierende Führungskräfte. Und vor allem: Sie sind Suchende wie wir alle. Menschen, die irgendwann gespürt haben: Es muss anders gehen. Und die dann den Mut hatten, eigene Wege zu entdecken.

Für jeweils rund neunzig Minuten durfte ich im Interview an ihrer Seite mitgehen – und möchte sie nun in fünf erzählerisch verbundenen Kapiteln zu Wort kommen lassen. Nicht im klassischen Interviewformat, sondern als Stimmen für eine hellere Zukunft: leise, kraftvoll, berührend.

PURPOSE: INNERE FLAMME, SINNSUCHE UND BERÜHRUNG

Manche Menschen strahlen, weil sie etwas darstellen wollen. Andere, weil etwas durch sie scheint – ein inneres Feuer, das sie leitet. Ein Feuer, das ich in den Interviews bei allen Purpose-Pionieren feststellte, und ganz besonders bei Helmy Abouleish, CEO der renommierten SEKEM-Initiative. Sein inneres Strahlen, das in jedem Satz, jedem Wort noch mehr zur Geltung kam, faszinierte mich und wurde zum Impulsgeber für dieses Buch. So geht es in diesem ersten Abschnitt meines Interviews natürlich um das Strahlen dieser Flamme des Purpose, um die große Freude, die darin scheint: Wie findet man seinen Purpose, wie kann man ihn erfahren und aktiv leben?

Helmy ist ein international ausgezeichneter Vorreiter für nachhaltige Entwicklung und biodynamische Landwirtschaft, soziale Innovation und lebenslanges Lernen, und führt die von seinem Vater gegründete Initiative sehr erfolgreich fort. Seit Jahrzehnten prägt er die ökologische und gesellschaftliche Transformation in Ägypten, und unter seiner Leitung erhielt

Helmy Abouleish trägt diese Vision heute auf internationale Bühnen – unter anderem im Umfeld des World Economic Forum, globaler Nachhaltigkeitsnetzwerke, der COP27 und als Keynote-Speaker der Agriculture Ministers’ Conference des Global Forum for Food and Agriculture. Im Buch steht er für systemisches Denken, spirituell geerdete Führung, globale Verantwortung und die faszinierende Kraft, scheinbar Unmögliches in konkrete Zukunft zu verwandeln.

SEKEM, nach dem Right Livelihood Award (bekannt als „Alternativer Nobelpreis“), den sein Vater seinerzeit in Empfang nahm, zahlreiche weitere Auszeichnungen, so zum Beispiel 2024 den Gulbenkian-Preis für Menschlichkeit, und die Auszeichnung zum Champion of the Earth 2024 der Vereinten Nationen u. v. m.

Wenn Helmy über seine Arbeit in der SEKEM-Initiative spricht, wirkt er zugleich visionär und geerdet. „Natürlich habe ich einen Purpose“, sagt er – ohne Pathos, fast beiläufig. Doch dann erzählt er von einem Bild, das ihn seit Jahrzehnten begleitet: ein Ägypten, wie es in 200 Jahren aussehen könnte. Nicht als Utopie, sondern als innere Koordinate. Dieses Bild habe ihn und seinen Vater schon 1977 geleitet, als sie SEKEM gründeten – und es helfe ihm bis heute, jeden Morgen mit Freude aufzustehen. „Wenn du weißt, wofür du lebst, gehst du anders auf die Probleme zu“, sagt er. „Du siehst nicht nur, was ist – sondern was sein könnte.“

Ulli Retter, Inhaberin des Retter Bio-Natur-Resort in Pöllauberg, eines seit über 20 Jahren mehrfach ausgezeichneten 4-Sterne-Superior-Hotels und Nr.-1-Seminarhotel in Österreich, mit eigener Bio-Landwirtschaft und dem ersten BioOrganic-SPA Europas, sieht es genauso: „Der Purpose ist das, was dich ganz macht und dich leitet. Wenn du ihn fühlst, gibt es keine Ausreden mehr.“ Frei verwurzelt sei dabei auch ihr Lebensgefühl: Die Verbindung zu den Wurzeln ihres Familienbetriebs, zu den Mitarbeitenden und Gästen, zur Heimaterde, den Früchten und Schätzen der Natur, den Landwirten einerseits. Sowie andererseits die freie Wahl der Selbstbestimmung – jeden Tag zum Glück anderer, und damit zum eigenen Glück beizutragen. Dazu passend hat Ulli einen bekannten Reim parat: Willst du glücklich sein im Leben? Trage bei zu anderer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.

Weniger dichterisch, doch ganz und gar lebensnah bringen Johannes Kielnhofer und Jürgen Flicker, das Vorstandsteam der Sparkasse Pöllau-Stubenberg, diesen Gedanken auf eine universelle Formel: „Manager müssen Menschen mögen. Das ist für uns das Thema: Wir sind für die Menschen da; wir arbeiten für sie und mit ihnen. Als Mensch und Manager.“ Für Johannes und Jürgen wurde Handeln im Sinne der Menschen zur persönlichen Haltung. Denn das Führungsduo begreift ihre Organisation nicht nur als Bank, sondern als „Kraftzentrum für gesellschaftliche Entwicklung“. Das bedeute, so Johannes, neue menschliche Maßstäbe zu setzen – bei Finanzierung, Führung und sozialem Engagement. Jürgen gibt außerdem zu bedenken: „Was haben sich wohl unsere Gründer vor über 150 Jahren dabei gedacht, hier in Pöllau eine Sparkasse zu öffnen? Nun, sie haben ein sehr einfaches Motto zur Grundlage ihres Handelns gemacht: Dort wo es eine Sparkasse gibt, soll es den Menschen besser gehen!“ Genau deshalb laute ihre Devise, eine Vision zu haben, die nah am Menschen ist: „Eine Finanzwelt, die wieder dient!“

„Menschen müssen immer im Mittelpunkt stehen“, sagt auch Julia Fandler, Eigentümerin und Geschäftsführerin der in vierter Generation familiengeführten Ölmühle Fandler im steirischen Pöllau. Julia verantwortete einen kompletten Marken-Relaunch im Jahre 2007, brachte Innovationsgeist in Produktverpackung und -präsentation ein und führt seitdem das Unternehmen mit klarem Fokus auf Qualität, Nachhaltigkeit und: auf Menschlichkeit! Ihr Purpose stand für sie daher von Anfang an fest; „Die Erwartungen waren groß – als junge Frau in ein traditionsreiches Unternehmen einzusteigen, war alles andere als einfach. Zumal ich nicht einfach nur weitermachen, sondern alles neu durchdenken wollte: Altes sollte wertgeschätzt und erhalten werden, aber ich wollte auch erkennen, wo es Änderungen brauchte“, erinnert sie sich. „Ich habe schnell verstanden: Es geht nicht darum, was alle erwarten. Es geht darum, was du verantworten kannst und willst! Und für mich war klar: Ich wollte den Beweis antreten, dass man auch mit einem sehr hohen Maß an Menschlichkeit wirtschaftlich erfolgreich sein kann.“ Dass man dabei nicht nur gibt, sondern auch eine Menge zurückbekommt, kann sie bestätigen: „Das ist wie eine kosmische Gleichung: Was ich hineingebe, kriege ich auch wieder zurück!“ Ein Unternehmen zu führen, sei daher auch etwas hoch Feinstoffliches, findet sie, eine Mischung aus Intuition, Empathie, Verbundenheit und kollektiver Intelligenz. „Ich wirke in meinem unmittelbaren Umkreis wie ein Stein, den man in ein stilles Gewässer wirft – ich sende meine Wellen aus, und diese Wellen werden wahrgenommen und setzen Impulse.“

Als Impulsgeber sieht sich auch Johann Haberl, Hotelier, Pionier und Eigentümer des renommierten Gesundheitsresorts Larimar: „Mein Purpose ist ganz einfach: gestalten wollen und voranbringen. Ich bin ein Gestalter, ich bin kein Verwalter. Ich gestalte und ich werde unruhig, wenn mir zwei Wochen nichts Neues einfällt.“ Johann lebt mit seinem SPAResort im Südburgenland seinen Purpose. „Ich hatte nicht nur eine Ahnung – ich hatte ein klares Bild“, sagt er. Ein Bild davon, dass der Mensch mehr ist als ein Gast, ein Kunde, ein Konsument. In seinem Hotel geht es deshalb längst nicht mehr nur um Wellness – sondern auch um Transformation. Um tiefe Erneuerung und Gesundung. Und um die Rückverbindung mit dem Wesentlichen. Denn seine Gäste sollen sich nicht nur entspannen – sondern erinnern. „Erinnern, dass sie Teil von etwas Größerem sind. Dass wir alle nicht in der Umwelt, sondern in der Mit-Welt leben, frei nach dem Motto: Ich lebe MIT dieser Welt – sie ist nicht nur um mich herum!“

Noch deutlichere Worte findet in diesem Zusammenhang Erwin Thoma, Experte und Bestsellerautor, der hochengagiert in Forschung und Vorträgen die nachhaltige Kraft von Holz und Wald vermittelt. „Oft wird mir gesagt: ,Du hast es gut, du hast so eine tolle Mission mit deinem Holz. Aber ich bin so arm, weil ich habe keine Mission in meinem Leben‘ – das ist natürlich kompletter Unsinn!“, ärgert er sich. Wir lebten heute in einer Welt, die fürchterlich daran leide, dass die Menschen die Verbundenheit zum Leben verloren hätten, findet Erwin. Für ihn gehe es darum, dass wir endlich wieder begreifen und wieder lernen, dass wir nicht allein sind, dass wir nicht abgeschnitten sind. Aus dieser Verbundenheit heraus sei er natürlich in überhaupt keiner anderen Position als jeder andere. „Ja, wir sind alle Teil des Großen und des ganzen Lebens. Jeder dient dem Leben und das ist eigentlich die Mission, das ist der Zweck, den jeder Mensch hat: dem Leben zu dienen!“

Dem Leben dienen, als Teil des großen Ganzen, ist auch die erklärte Mission von Dr. Christian Lagger, Geschäftsführer des Krankenhauses der Elisabethinen in Graz, Vorstandsmitglied der ARGE Ordensspitäler Österreichs und Co-Autor von Leadership ohne Blabla – Wahrnehmen. Zuhören. Entscheiden. Seinen Purpose beschreibt er als „Resonanzraum mit der Welt“. „Man findet ihn nicht. Er findet dich.“ Und: „Wenn du einmal berührt wurdest – wirklich berührt – dann kannst du nicht mehr zurück.“ Christian war einst Volksschullehrer, dann Bischofssekretär, später Klinikmanager – und ist bis heute Suchender. „Ich wollte immer wissen, wie Menschen wirklich sind, was sie im Tiefsten bewegt.“ In der Theologie, im Management, in der Medizin – und schließlich im Hospizwesen. Seine Erfahrung im Gesundheitssektor habe ihn gelehrt, dass es vor allem die „Resonanzfähigkeit“ sei, die den entscheidenden Unterschied mache: „Führung bedeutet für mich: in Resonanz gehen können mit der Welt, mit mir selbst, mit anderen – ja, sogar mit der gesamten Menschheit vor mir, mit mir und nach mir!“ Sich berühren zu lassen von der umgebenen Wirklichkeit, vom Leben, von sozialen Realitäten und sich nicht abgestumpft in seine Blase zurückzuziehen, sei ein entscheidendes Momentum für stete Weiterentwicklung. Davon betroffen seien nicht nur einzelne Menschen, sondern auch Gesamtgesellschaften: Große Kulturen seien untergegangen, weil sie kein oder kaum Berührungspotenzial mehr gehabt hätten.

In puncto Berührung kennt sich Katharina Heil, zertifizierte Digital Consultant, Eigentümerin und Geschäftsführerin der VITAVO GmbH, einem Beratungs- und Softwareunternehmen im Bereich Digitalisierung, besonders gut aus. Katharina, die unter anderem von der Kleinen Zeitung als Kopf des Jahres 2020 und als Drittplatzierte beim steirischen Best Female Innovator-Award 2024 gekürt wurde, unterscheidet klar zwischen Ich und Auftrag. Für sie ist Purpose kein persönliches Ziel – sondern eine Art „seelischer Dienst“. „Es geht nicht um uns. Es geht um das Ganze. Um das, was durch uns geschehen soll.“ Heil spricht mit leiser Entschlossenheit, fast wie jemand, der einem inneren Mandat folgt. „Wir müssen uns berühren lassen. Vom Schmerz. Von der Schönheit. Vom Wissen, dass wir Teil einer Bewegung sind, die größer ist als wir selbst.“

Wie groß eine solche „Bewegung“ sein kann, weiß Christoph Kasslatter, geschäftsführender Gesellschafter der Markas- Gruppe, einem international tätigen Familienunternehmen für Reinigung, Verpflegung und Facility Services, zu berichten; gemeinsam mit seiner Frau Evelyn führt er das Unternehmen in zweiter Generation und setzt auf Innovation, Nachhaltigkeit und eine wertschätzende Unternehmenskultur für über 13.000 Mitarbeitende in mehreren Ländern. „Purpose ist nicht nur individuell – er ist auch kollektiv. Ein Unternehmen ohne kollektiven Sinn verliert sich. Da gilt es Räume zu schaffen, in denen Menschen in ihrer Ganzheit gesehen werden – als Mitarbeitende, als Mitmenschen.“ Für Christoph ist Menschlichkeit daher das Herz jeder Führung: „Unsere Mitarbeiter müssen nicht funktionieren – sie dürfen Mensch sein.“ Führung ist für ihn ein Beziehungsgeschehen – getragen von gegenseitiger Unterstützung.“ Nur so, erklärt er, könne ein Klima entstehen, in dem Menschen wachsen und sich entfalten können. So ist in der Unternehmenskultur von Markas ein Grundsatz zentral, der sich in Krisenzeiten besonders bewährt hat: „Niemand wird allein gelassen!“

Als Corona mit aller Härte zuschlug und viele Mitarbeitende psychisch wie emotional am Limit waren, wurde rasch gehandelt. Spontan richtete die Familie einen psychologischen Notdienst ein, erreichbar für alle, die Unterstützung suchten. Nicht selten dauerten die Gespräche eine Stunde und endeten in Tränen – ein offenes Ohr, das im entscheidenden Moment alles bedeutete. Seither hat sich das Unternehmen unter Christophs Leitung weiter etabliert, nicht nur in Punkto sozialer Verantwortung, sondern auch als Vorreiter in Bezug auf Inklusion. Gerade in Südtirol, einer Region mit großer kultureller und sprachlicher Vielfalt, verfolgt Markas dabei einen Ansatz, der allen Mitarbeitenden – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder gesundheitlichen Einschränkungen – die gleichen Chancen bietet. Zentrale Aspekte sind hier die Förderung sozialer Mobilität, die Integration von langzeitarbeitslosen Menschen und Migranten sowie die Inklusion von Menschen mit physischen oder geistigen Beeinträchtigungen. Für sie hat das Unternehmen spezielle Arbeitsplätze geschaffen sowie Schulungs- und Sensibilisierungsprogramme eingeführt – Maßnahmen, für die Markas u. a. mit dem Blauen Gütesiegel, dem Förderpreis für soziale Innovation und einer Top Employer-Zertifizierung ausgezeichnet wurde. So kehre nach Christophs Erfahrung jede Investition in menschliche Nähe und Wertschätzung um ein Vielfaches zurück – nicht nur in Form von Auszeichnungen und Ehrungen: „Es ist einfach schön zu sehen, wie alle in wertschätzender Zusammenarbeit miteinander ‚verschränkt‘ sind, und jeder einzelne sich als vollwertiges Mitglied neu und selbstwirksam erfahren kann.“

BRUCH, WANDLUNG, MUT

Niemand wird als Purpose-Pionierin oder -Pionier geboren, und nicht jeder Wandel beginnt mit einer Vision. Manchmal beginnt er mit Schmerz. Mit dem Eingeständnis: So geht es nicht weiter. Und fast immer kommt es dann zu einem Bruch, einem Schock, einer Unruhe – einem Moment, in dem das Alte nicht mehr trägt, das Neue aber noch nicht sichtbar ist. Diese Schwelle ist unbequem. Und doch liegt genau dort das Geschenk: Veränderung beginnt mit einem Nein – und wächst durch ein mutiges Ja. Und Schmerz, das wissen wir aus eigener Erfahrung, ist oft notwendig und bringt überhaupt erst die nötige Kraft, um Wandel zu bewirken.

Wie kann aus Krisen Klarheit entstehen – und aus Klarheit neue Wege? Wobei sich eine Krise entweder langsam, fast unmerklich ankündigen oder aber über Nacht mit Wucht und ohne Vorwarnung kommen kann. In jedem Fall stand für viele Purpose-Pionierinnen und -Pioniere am Beginn eines anderen, neuen Lebens ein Wendepunkt, der den Schleier gehoben und den Weg freilegt hat, welchen man lange übersehen oder verdrängt hatte. Für Manfred Hohensinner, Mitgründer und Geschäftsführer der Frutura Obst & Gemüse Kompetenzzentrum GmbH, einem der größten Produzenten und Vermarkter für Obst und Gemüse in Österreich, war es „ein Moment emotionaler Tiefe“. Manfred geht mit Geothermie betriebenen Gewächshäusern für eine Vision der nachhaltigen Landwirtschaft voran und fördert EU-prämiert Artenschutz durch seine internationale Biodiversitätsinitiative BeeWild, mit der er unter Mitwirkung inspirierter weltbekannter Prominenter Bildungs- und Umweltprojekte in Schulen und Naturparks initiiert. Er erzählt mir, fast unter Tränen: „Ich war damals Lkw-Fahrer und elf Jahre im Osten unterwegs, in Russland und der Ukraine, dort habe ich diese fürchterlichen Zerstörungen gesehen, wie man damals schon mit der Umwelt umgegangen ist. Als ich dann wieder nach Hause kam, 1988/1989, von Bratislava nach Österreich einfahrend, da habe ich geweint vor Glück, dass ich in so einem wunderbaren Land leben darf. Das hat mir die Augen geöffnet, und ich habe das alles plötzlich viel mehr schätzen gelernt. In mir ist der Wunsch entstanden, das alles zu schützen und dieses Gefühl, was sich in mir aufgetan hatte, zu verbreiten. Ich wusste: Das ist mein Sinn des Lebens!“

Aus einer ähnlichen (umweltliebenden) Perspektive handelte auch Thomas Mach, Experte für nachhaltige Wasserwirtschaft in Österreich, sowie Gründer und Geschäftsführer der Mach & Partner ZT-GmbH für Kulturtechnik und Wasserwirtschaft, mit Schwerpunkt Trinkwasserversorgung, Abwasser, Hochwasserschutz und Hydrogeologie. „Ich spürte, dass wir an einem Kipppunkt stehen“, erzählt er mir. Doch Resignation war für ihn keine Option: „Wir sind zwar am Kipppunkt. Aber gleichzeitig haben wir alles, was wir brauchen, um etwas dagegen zu tun – wir müssen es nur endlich tun!“ Wie viele Pioniere spricht er davon, dass Entscheidungen zur Verantwortung werden. So sieht sich Thomas oft gezwungen, „Verantwortung zu übernehmen, weil ich sehe, dass es sonst niemand tut“. Er sagt: „Manchmal musst du gegen den Strom schwimmen, auch wenn du nicht weißt, was danach kommt. Veränderung beginnt da, wo du nicht mehr so funktionierst wie alle.“

Ebenso sieht es Martin Reichle, Miteigentümer der Reichle Holding AG, dem Familienunternehmen hinter der international tätigen Reichle & De-Massari Gruppe (R&M) für Daten- und Kommunikationsinfrastruktur. Martin sagt: „Rücksichtsvolles, achtsames Unternehmertum ist moralische Pflicht. Wenn du Einfluss hast, dann hast du Verantwortung. Punkt.“ Für ihn beginnt das Morgen deshalb nicht mit Visionen – sondern mit Verantwortung. „Es gibt kein Business ohne Werte. Es gibt nur Business, das sich entscheidet.“ Und er habe sich entschieden: Zuallererst komme die Natur, unsere Mutter Erde. Dann der Mensch und erst danach die Firma oder die Projekte. Leider, findet er, ist es heute oftmals andersherum: Die Firmen stellten sich über den Menschen, und der Mensch stelle sich über die Natur – nur kämen wir so nicht weiter. Ganz anders Martin: Unter seiner Leitung wurde R&M vom reinen Komponentenhersteller zum hochkompetenten All-in-oneLösungspartner transformiert und ist heute ein führender Hersteller von Infrastruktur-Lösungen für Kommunikations- und Datennetze. R&M expandierte seither global mit Werken in Brasilien, Bulgarien, China, Indien, Polen, Dubai u. v. m., mit insgesamt etwa 1.700 Mitarbeitenden. Neben dem operativen Geschäft zeichnet sich Martins Führungsstil insbesondere durch Ehrlichkeit, Respekt und Bescheidenheit sowie durch ein starkes Engagement für Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung aus. So erfolgte beispielweise die Nachhaltigkeitsinitiative Connecting the Planet in Einklang mit den UN-Zielen, für die das Unternehmen 2024 die EcoVadis-Goldmedaille erhielt – eine Auszeichnung, das R&M in puncto Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte, Ethik und nachhaltige Beschaffung zu den besten 1 bis 5 % aller Unternehmen seiner Branche weltweit zählt. Beachtlich! Welch wunderbares Beispiel, dass achtsames Wirtschaften auch in Großkonzernen funktionieren kann.

Helmy Abouleish, der mit SEKEM ja ebenfalls vielfach ausgezeichnet ist, spricht hier von spiritueller, naturverbundener Unternehmensführung. Nicht im religiösen Sinn, sondern aus einem tiefen Verständnis fürs Ganze. „Change zu bewirken, bedeutet: Ich bin Teil eines lebendigen Organismus“, sagt er. Das heiße manchmal auch, Entscheidungen nicht zu treffen, sondern reifen zu lassen. Der Rhythmus der Natur, sagt Helmy, sei der beste Lehrmeister für gutes Management.

Ähnlich erfolgreich im Wandel, wenn auch nicht nach Maßstäben aus der Natur, waren die Bemühungen von Markus Stelzmann, dem ehemaligen Geschäftsführer bei Tele Haase in Wien. Der „New-Work-Regisseur“ hat ein klassisches Industrieunternehmen in eine pionierhaft selbstorganisierte Organisation transformiert, die auf radikale Transparenz („Simply Open“) und demokratische Entscheidungsfindung setzt. Mitarbeitende hatten dabei Einblick in alle Unternehmenskennzahlen und gestalteten in selbstorganisierten „Kreisen“ Produktion, Budget und Arbeitszeit. Markus sah sich in diesem Prozess als eine Art demokratischer Geschäftsführer – ein Impulsgeber, und betont, dass es ihm grundsätzlich darum geht, Menschen zu ermutigen, selbst Verantwortung zu übernehmen, als Akt der Befreiung. Purpose sei dabei nicht etwas, „das du dir ausdenkst, sondern etwas, das du ausgräbst – bei dir, bei anderen“. Purpose beginnt da, wo du aufhörst, dich zu verstecken.“ Dementsprechend wurden bei Tele Haase alle Entscheidungen im Kollektiv getroffen, Gehälter offengelegt, Führung radikal neu gedacht – und die unbedingte Voraussetzung dafür sei: „Du musst dich erst selbst verändern und neu erfinden. Der Rest folgt.“

Neu erfunden hat sich auch Josef Zotter, österreichischer „Schoko-Revoluzzer“, Gründer der Zotter Schokoladenmanufaktur in Riegersburg und international bekannt für seine biofaire, kreative Bean-to-Bar-Schokolade – er erinnert sich noch an diesen Moment, als etwas in ihm sagte ‚Jetzt oder nie‘. Für ihn kam der Purpose nicht durch Meditation oder Coaching, sondern als Entscheidung. „Ich habe gespürt, dass es so nicht weitergeht, und sagte mir: Ich mach das jetzt einfach.“ Nachdem seine erste Konditorei pleiteging, stand er vor dem Nichts. Doch statt sich zurückzuziehen, wagte er einen radikalen Neustart: mit fair produzierter Schokolade aus biologisch angebauten Zutaten, Kreativität und einer großen Portion Unternehmergeist. „Der Absturz war mein Glück“, sagt er, „weil ich gezwungen war, alles neu zu denken.“ Heute ist Zotter ein Synonym für innovatives Unternehmertum. „Ich glaube, du musst dir selbst irgendwann sagen: Ich geh jetzt meinen Weg – auch wenn ihn keiner versteht.“ Was ihn dabei trägt, ist keine großartige Lehre – sondern eine ganz natürliche Haltung zu sich selbst und zum Leben. „Wenn du Sinn suchst, darfst du dich nicht zu ernst nehmen. Aber das, was du tust, musst du verdammt ernst nehmen!“ Scheint zu klappen: Zotter gilt heute als Vorreiter für Nachhaltigkeit und Fairness in der Schokoladenbranche und wurde vielfach ausgezeichnet – darunter mit den Trigos für soziale Verantwortung.

FÜHRUNG, WIRKSAMKEIT, IN BEZIEHUNG ZUR NATUR

Was ist ein Unternehmen? Ein Ort der Wertschöpfung? Eine Maschine zur Gewinnerzeugung? Oder etwas ganz anderes – ein lebendiger Organismus, ein Beitrag zum großen Ganzen? Ein Ort des Bewusstseins?

Die Purpose-Pionierinnen und -Pioniere, die heute Führung neu denken, verfolgen keine Strategien. Sie erzählen von Haltungen, von Freude und Sinnhaftigkeit. „Wenn du der Natur zuhörst, brauchst du keine Strategie mehr“, sagt Erwin Thoma. Und er sagt es nicht metaphorisch. Der gelernte Förster und Holzbauunternehmer hat früh verstanden, dass Bäume keine Bilanz brauchen, um nachhaltig zu wachsen. Oder anders ausgedrückt: Die Bilanz der Bäume beschreibt keine Kapitalgewinne, sondern gelungene Beziehungen – eine viel wichtigere Bilanz für Leben. „Im Wald gibt es keine Überproduktion. Keine Kurzfristziele. Alles ist eingebettet in Kreisläufe, in Sinnzusammenhänge, in Verantwortung.“ Seine Häuser, gebaut ganz ohne Leim oder Chemie, sind Ausdruck dieser Philosophie: naturbasiert, gesund, beständig. Erwin führt ein erfolgreiches Unternehmen, und er hat seinen Platz im Markt gefunden; für ihn ist Wirtschaft kein Verdrängungswettbewerb. „Die Natur macht vor, wie Erfolg aussieht: kraftvoll, gemeinschaftlich, für alle.“ Pflanzen mäßen ihr Fortkommen an gelungenen Beziehungen. Und davon hinge es ab, wie gesund sie sind, wie hoch der Vitalitätsgrad ist, jeder biologisch-dynamischen Prinzipien Arbeitende könne das bestätigen. „Eine Pflanze ist nur dann vital und gesund, wenn sie es schafft, mit dem Bodenleben und ihrer Umgebung in einer harmonischen, bestmöglichen Beziehung zu leben. Wenn diese Beziehungen gestört sind, wird die Pflanze krank.“

Auch Julia Fandler hat ihre Quelle in der Natur gefunden – im Boden, im Samen, im Öl. Seit Generationen führt ihre Familie die Ölmühle in der Steiermark. Schon damals wurde Nachhaltigkeit gelebt, da gab es das Wort noch gar nicht. In einer Flasche Haselnussöl stecke deshalb auch die ganze Wertschätzung für die Natur und für den Landwirt; sowie ihren Mitarbeitenden und den Kunden gegenüber, damit die ein von A bis Z wertvolles, qualitätsgesichertes Produkt erhalten. Für Julia eine Selbstverständlichkeit: „Ein hervorragendes Öl braucht Achtsamkeit, und ein tolles Unternehmen auch.“ Beides findet sich perfekt in der Fandler Unternehmensphilosophie der „gelebten Ganzheitlichkeit“ wieder: „Wir denken und handeln in Generationen, nicht in Quartalszahlen; mit Spaß an der Arbeit und am wirtschaftlichen Erfolg – aber nicht um jeden Preis!“

Ebenfalls zentrale Bedeutung hat die Natur für Ulli Retter, sie sei „ihr wichtigster Lehrmeister“. Purpose bedeute nämlich auch, mit der Natur im Dialog zu stehen: mit den Jahreszeiten, dem Wachsen, Blühen, Reifen, Ernten und dem Sich-Zurückziehen. „Wenn wir ihr zuhören, zeigt sie uns den Weg.“ Diese Verbindung zu den elementaren Kräften ist im Retter Bio106 Natur-Resort weniger abgehobene Esoterik, denn praktische Weisheit: Kreislaufwirtschaft, Achtsamkeit, radikale Regionalität – ursprüngliche Freude! „Wir backen unser Brot täglich frisch, verarbeiten alle Früchte selbst, machen Marmeladen und vieles mehr – alles aus Freude am Tun: Das ist der Sinn, das ist Sinnhaftigkeit. Wir leben es vor und zeigen es anderen. Unser Ziel war deshalb nie bloßes wirtschaftliches Wachstum. Unser Ziel war und ist: gutes ‚natürliches‘ Wachsen.“, erklärt Ulli mit leuchtenden Augen und formuliert noch schnell ihren inneren Kompass: „Leben und lernen mit der Natur – denn wir sind ihr Gast, und sie lässt uns gestalten.“ Ein schönes Statement, gleichsam die passende Kernaussage für ein Bio-Ressort.

Doch was, wenn man nicht täglich Gäste bewirtet, sondern High-End-Produkte für LAN, Data Center und öffentliche Breitbandnetze in großem Maßstab produziert? Für Martin Reichle macht das keinen Unterschied. Er folge dem Ruf der Natur in liebgewonnener Regelmäßigkeit. Sein Weg führe ihn dabei oft in den nahegelegenen Wald: An diesem Ort fände er, wenn das Tagesgeschehen ihn wieder einmal zu sehr von sich selbst abbringe, seinen Purpose wieder. „Ich hocke mich einfach für ein paar Stunden auf den Boden, kein Witz!“, sagt Martin. Seinen „Seelenplan“ finde man schließlich nicht, wenn man im Kopfmodus sei, sondern wenn man in die „Verbindung“ gehe, und die gibt es für ihn nur in der Natur. Mit ein Grund, warum Martin neben R&M auch die exklusive Berglodge37 betreibt – ein kleines, luxuriöses Boutique Gäste- und Seminarhaus in den Schweizer Alpen. Dort setzt er sein Credo „Natur als Vorbild führt zu nachhaltigen Lösungen“ buchstäblich um: Die Lodge ist in Holzbauweise errichtet, besticht durch minimalistisches Design und Nachhaltigkeit – perfekt für ruhesuchende Gäste und Leadership-Retreats. „Das Denken ist nämlich nur ein Teil des Erfolgs“, erklärt er mir, „das Spüren der andere.“ Unglücklicherweise würde dieser Aspekt im Daily Business zu oft in den Hintergrund gedrängt. Aus diesem Grund gäbe es in seinem Unternehmen sogar den Verhaltensgrundsatz, Bauchgefühle ernst zu nehmen. Und alle Jahre hätten sie in den Führungsgremien dieselben heftigen Diskussionen darüber. Doch hier zeigt sich Martin kämpferisch: „Solange die Company mir gehört, bleibt dieser Punkt drin, basta! – auch wenn man mich dafür belächelt.“

Ein Standpunkt, in dem ihn Johann Haberl voll und ganz unterstützen würde; der findet nämlich: „Haltung ist kein Projekt, sondern ein innerer Zustand. Und dieser Zustand hat einen Preis: Man wird angezweifelt und belächelt … Aber irgendwann, da lächelt man zurück – aus der Mitte heraus.“

So bleibt im Hinblick auf die Natur zu bemerken, dass fast alle Stimmen meiner Interviews eine tiefe Sehnsucht nach Verwurzelung und „Erdung“ bestimmt, womit sich bestätigt, dass ihre Bedeutung – wie ja bereits von Michael im Kapitel Natur- und Lebensgesetze beschrieben – nicht zu unterschätzen ist, so naheliegend und vielleicht auch wenig neu sie einem vorkommen mag. Christian Lagger beispielsweise beschreibt seine Naturaffinität so: „In der Natur tue ich gar nichts, vielmehr kriege ich da Kraft, innere Stille und Ruhe. Ich werde ganz oft gefragt: Ja, was tust du denn da die ganze Zeit? Dann sage ich: Das ist die falsche Frage. Fragt doch besser: Was macht der Fels mit mir? Der Adler, der Bach, die Lärche, die Wiese – was machen die mit mir? Da steckt Seele drin!“

Überhaupt sei nach Christians Ansicht zu wenig Seele in der heutigen Wirtschaft. „Wir brauchen ein Handeln, das das Seelische nicht vergisst – und zwar nicht nur im Leben, auch im Sterben!“ Er bezieht sich damit auf seine Beobachtungen, dass es niemanden interessierte, wie Obdachlose sterben müssen. Er aber fragte sich: „Wo sterben eigentlich die, die ganz unten sind?“ Die ernüchternde Antwort darauf ergab sich schließlich durch eigene Recherche und traf ihn mit schonungsloser Härte: Obdachlose, als Randphänomene der Gesellschaft, gingen ihren letzten Weg ebenda, am Rande der Gesellschaft, irgendwo in Parks, unter Brücken – kurz: im buchstäblichen Niemandsland. Nicht selten waren es einsame Abschiede, unbemerkt, anonym und fern jeder Geborgenheit.  Für Christian, dessen Elisabethinen-Krankenhaus damals gerade das 325-jährige Bestehen unter dem Motto „Schau hin und handle, für die Menschen am Rand“ feierte, wurde Menschlichkeit augenblicklich zur Handlungsanweisung. Allen Skeptikern zum Trotz, die daran zweifelten, wie ein solches Projekt finanzierbar und ob überhaupt politisch verantwortbar sei, und ungeachtet aller Hürden und Schwierigkeiten ließ er ein Hospiz entstehen – das erste stationäre Hospiz Europas für wohnungslose und nichtversicherte Menschen.

„Reine Sekundärnaivität“, nennt Christian heute rückblickend diesen Impuls, dem er letztlich das Gelingen des Projektes verdankte. Dieser Impuls, da ist er sich sicher, verhelfe einem, wenn man vor großen Entscheidungen steht, oft zur Kraft, Dinge durchzuziehen, frei nach dem Motto: „Pah, warum soll es nicht gehen? Am Ende wird sich’s schon zeigen.“ Und genauso war es dann auch. Ich gratuliere ganz herzlich, zu dieser wundervollen Initiative, Christian – traurig, dass der „Himmelshafen“ in Graz bis heute das einzige real existierende Obdachlosenhospiz geblieben ist; obwohl weitere Projekte in anderen Städten diskutiert wurden, bleibt sein Projekt bislang einzigartig.

ZWEIFEL, RÜCKSCHLÄGE? WEITERMACHEN!

Was treibt Menschen an, einen Weg zu suchen, der vielleicht stimmig sein mag, aber auch steinig ist? Was lässt sie aufbrechen trotz Zweifel und gegen Widerstände, und schließlich durchhalten, trotz Niederlagen?

Purpose-Pionierinnen und -Pioniere sind Lichtgestalten, keine Frage. Umso mehr hat mich interessiert: Wie sehen die Schattenseiten aus? Und wie schaffen sie den Weg zurück ins Licht?

Einer, der wohl Rückschläge meistert wie kein anderer, ist sicherlich Josef Zotter. Josef ist vieles: Unternehmer, (Lebens-) Künstler, Medienperformer, Visionär – aber vor allem: ein Mensch mit Haltung. Denn bei aller Vielschichtigkeit bewahrheitete sich seine Authentizität auch als Raum für Selbsttreue und gar für Unbeschwertheit. Als er damals den Konkursantrag abgegeben hatte, blieb ihm nämlich nicht viel mehr als sich einzugestehen: „Ok, da hast du jetzt echt einen großen Fehler gemacht – egal, weiter!“ Nicht Erfolg war für ihn damals der größtmögliche Gewinn, sondern die „Bewahrung der Menschlichkeit“. Sein Menschsein bringt er heute mit entwaffnender Offenheit auf den Punkt: „Ich bin wie ich bin. Und wenn das nicht passt, ist es auch okay.“ Denn für ihn ist Klarheit wichtiger als Anpassung. Und Humor wichtiger als Trübsal. Wie fast alle Pioniere und Pionierinnen, die ich interviewt habe, kennt er beide Seiten, Licht und Schatten. Daher weiß er: „Erfolg ist wirklich schwierig, weil er dich verführt. Da sitzt der Teufel drin: Du fühlst dich gut, steigst auf 10.000 Meter und merkst gar nicht, dass du so hoch oben bist – Erfolg ist eine der schlimmsten Bedrohungen, die ich kenne.“ Sein Absturz habe ihm aber letztlich neue Kräfte verliehen: „Es ist der Moment, in dem man sich traut, zu sich zu stehen und gegen alle Konventionen den eigenen Weg einzuschlagen.“ Wenn es darum geht, Wirkung zu entfalten, bleibt Josef konsequent handlungsorientiert: „Wenn wir wirklich was ändern wollen, dann müssen wir aufhören, nur zu reden. Wir müssen machen. Jetzt.“ Für ihn ist die Welt ein großartiges Projekt, das zur aktiven Mitgestaltung einlädt – oder, frei nach Zotter – eine Spielwiese: „Spiel mit, mach was draus, was ist dein Einsatz?“

Mit sich selbst im Reinen zu sein, ist auch ein dringliches Anliegen von Manfred Hohensinner. „Viele Leute wenden heutzutage, wenn sie morgens aufstehen, so irrsinnig viel Energie auf, sich in einen Menschen zu verwandeln, der sie eigentlich gar nicht sind. Sie setzen dann die Maske auf, nur um das Berühren nicht zuzulassen.“ Ganz besonders gelte dies im Falle eines Scheiterns: Nur kein Zeichen von Schwäche zeigen, Emotionen wären tabu, allenfalls spiele man noch den Coolen. Dabei spräche für Manfred doch überhaupt nichts dagegen, „Mensch sein zu dürfen“. Niederlagen gehören für ihn dazu, meist selbstverschuldet und ein guter Indikator, dass man auf dem falschen Weg war, eine falsche Einschätzung getroffen hat, was auch immer. „Rückschläge sind hilfreich, damit sie nicht wieder passieren. Erst dann tun sich neue Gesichtsfelder auf, und ich brauche nur in mich hineinzuhören, was ich in Zukunft besser machen und wie ich mit meinen Mitmenschen die Situation gemeinsam meistern kann. Sobald ich diesen Gedanken fasse, habe ich keine Angst mehr – aber dazu muss ich halt ehrlich vor mir und den anderen eingestehen, wo ich aktuell stehe!“ Und wenn das von den anderen nicht entsprechend angenommen und ignoriert wird? „Auch egal“, sagt Manfred. „Wenn man ignoriert wird, kann man sich in Ruhe seine Gedanken machen. Man kann sich entwickeln und wird nicht gestört dabei.“ Clever!

Kaum anders, wenn es um den Umgang mit Rückschlägen geht, sieht es Christoph Kasslatter; er sagt: „Der Grund, warum ich nicht aufhöre, wo alle anderen es tun, ist, weil ich Unternehmer bin und kein Unterlasser.“ Will heißen: Christoph und seine Frau Evelyn kämpfen bis zum Schluss – weil man sich ja sonst immer sagen müsste: „Du hast es nicht geschafft, weil du es nicht richtig gewollt hast!“ Dennoch kennen auch sie jene seltenen Situationen, in denen trotz allen Kämpfens kein Durchkommen mehr möglich scheint – „1 bis 2 %, höchstens!“, sagt Christoph. Gerade dann, erzählt er, entsteht oft wie durch eine unsichtbare Hand eine neue Richtung – eine Wendung, die plötzlich Sinn ergibt, sodass man rückblickend mit einem Lächeln sagen kann: „Zum Glück hat es damals nicht hingehaut, sonst wären wir auf diesen Weg gar nicht gekommen.“

Differenzierter und mit anderen Worten betrachten Katharina Heil, Ulli Retter und Julia Fandler das Thema. Für Katharina ist Scheitern untrennbar mit Loslassen verbunden – und mit „Fehlermut“, wie sie es nennt: weil Versagen mehr Ehrlichkeit und weniger Angst vor Fehlern erfordere. Julia stimmt dem uneingeschränkt zu: Lösung hieße nicht immer, dass es fröhlich weitergehe, sondern bedeute auch, etwas abzuschließen und nicht mehr so weiterzumachen, wie man einmal gedacht hatte. Ulli sieht in einem Rückschlag gar eine große Gnade: „Beim Retter haben wir einen Slogan, der heißt: Wenn Gott dir ein Geschenk machen will, schickt er dir ein Problem!“ Versteht sich, dass Ulli aus dieser Perspektive in die Reflektion geht und sich bei einem Fehlschlag fragt: „Was können wir daraus lernen?“ Frei nach der Devise „Hinfallen, Krönchen richten, weitermachen!“ Unisono sehen die drei Unternehmerinnen Niederlagen also weniger als Makel, denn als notwendige Lernschritte auf dem Weg zu echtem Wandel. Dieser wiederum ist für Katharina kein geradliniger Prozess, sondern gleiche vielmehr einer Metamorphose, die – ähnlich wie bei körperlichen Umbauprozessen – auch von einem Zustand des Unwohlseins oder sogar einer Art „Fieber“ begleitet werden könne. Doch gerade durch diese intensiven Phasen entstehe eine neue Balance – und: ein neues Ergebnis! Für Katharina sind diese Phänomene ständige Begleiter, und auch Julia sieht Erfolg eher darin, zu erkennen, zu akzeptieren und sich neu auszurichten. Ulli setzt in diesem Zusammenhang sogar noch einen drauf: „Wenn’s mal echt hart wird, aber am Ende gelingt es einem doch, freut man sich natürlich. Und dann geht‘s ja auch schon wieder weiter – denn eigentlich gibt’s nichts Schlimmeres, als ein Ziel zu erreichen, oder?! Da muss dann schnell ein neues Ziel her!“, sagt sie und grinst.

Johann Haberl sieht das mit dem Scheitern in seiner unverkennbar knappen, klaren Art stets positiv: „Die Entscheidung, wie ich etwas transformiere, liegt ja bei mir. Transformiere ich es negativ, ziehe ich negative Erlebnisse in mein Leben. Für die habe ich keine Zeit, das interessiert mich nicht. Da ich alles positiv transformiere, widme ich mich der Achtsamkeit, des Respekts und der Aktivität. Dann wird alles plötzlich viel leichter – auch im Falle eines sogenannten Scheiterns.“ Schließlich fügt er noch hinzu, mit einem Augenzwinkern: „Ich mache weiter, weil ich mutig bin, weil ich fleißig bin, weil es ein Aufgeben nicht gibt. Aufgeben sollte man nur Briefe – und auch das tut man heute kaum noch.“ Hört sich nach unerschütterlichem Selbstvertrauen an, bewundernswert!

Doch sind Purpose-Pioniere wirklich nur erfolgreich, weil sie länger durchhalten, oder aber – im Falle von Ulli, Julia und Katharina – konsequent ihre Lehren ziehen und dann unbeeindruckt neue Wege gehen? Haben sie tatsächlich so klare Vorstellungen davon, was funktioniert und was nicht, ohne einen Hauch des Zweifels?

Ganz eigene Wege, mit Zweifel umzugehen, haben da Martin Reichle und Helmy Abouleish. Helmy verweist sogleich auf den Purpose; er sei wie „ein innerer Stern, der dich ausrichtet – auch in der Dunkelheit“. Und Martin hält es mit der Maxime: „Keine Zweifel! Du weißt, dass du eine gute Idee hast, wenn alle anderen sagen, das funktioniert sowieso nicht.“ Außerdem gehe er mit Niederlagen frei nach dem Grundsatz Nelson Mandelas um: „Ich verliere nie. Entweder gewinne ich oder ich lerne.“

Weniger geschichtsträchtig, dafür aber direkt aus eigener Erfahrung spricht Thomas Mach: „Zweifel gehören dazu. Aber mit jedem Rückschlag wird man natürlich – ich möchte jetzt nicht sagen ‚routiniert‘ –, wohl aber weiß man dann schon, wie man damit umgeht.“ Mit seinem Team begleitet er laufend Kunden bei der Umsetzung ihrer Infrastrukturprojekte in der Trinkwasserversorgung, der Abwasserentsorgung und im Hochwasserschutz. Dabei gilt es im Bewilligungsverfahren die behördlichen Vorgaben mit den unterschiedlichen Interessen aller Parteien unter einen Hut zu bringen. „In intensiven Gesprächen gelingt es dann aber eigentlich immer, dass aus Skepsis Vertrauen wird und am Ende eine belastbare Lösung für alle steht.“ Auf meine Frage, wie das denn konkret aussehe, reagiert er nur mit einem wissenden Lächeln: „Check mal auf meine Webseite“, gibt er mir den Tipp, „da findest du irgend wo: ‚Mit Mut und Humor!‘“

Mut steht auch bei Johannes Kielnhofer und Jürgen Flicker ganz oben auf der Liste, wenn es um das Überwinden von Zweifeln geht; denn nur durch couragiertes Handeln und Entscheiden konnte 2006 von der Sparkasse Pöllau AG als größter Gesellschafter mit 47 % die Entwicklung eines modernen Bio- und Öko-Heizkraftwerkes initiiert werden, trotz durchaus auch kritischer Stimmen. Welch Glück, dass sie nicht auf diese gehört haben: Heute versorgt die Initiative gut zwei Drittel aller Haushalte in Pöllau mit sauberer regionaler Wärme. Johannes sieht diesen Mut für künftige Projekte bestätigt. Na dann: Viel Glück und „gut Mut“!

BOTSCHAFTEN FÜR MORGEN

Was passiert, wenn der Weg eingeschlagen ist? Was wird aus dem inneren Licht, wenn es weitergegeben wird? Was braucht es für morgen?

Zum Abschluss meiner Interviews teilten die Pioniere und Pionierinnen ihre Essenz – mit Blick nach vorn. Dieser Blick war uneingeschränkt optimistisch – wohl kritisch, fordernd, zuweilen schonungslos – aber stets getragen von Hoffnung, und der klaren Botschaft: Es geht. Nur anders!

So verweist Christian Lagger auf einen notwendigen Kulturwandel „des freudigen Dienens“, auf ein Führungs- und Menschenbild, das den Dienst an der Gemeinschaft wieder in den Fokus rückt – etwas, das viele in unseren digitalen Zeiten der Selbstdarstellung und Selbstverliebtheit verlernt haben. Christian spricht hier von der Verdichtung des Lebenssinns im „Nettotext des eigenen Lebens“: Was bleibt, wenn die äußeren Rollen wegfallen? Die Entdeckung des Purpose ist für ihn kein einzelnes Aha-Erlebnis, sondern ein ständiges Verdichten und Reduzieren, das zur Essenz führt: „Zu etwas, das dich existenziell berührt. Und gleichzeitig trägt.“ Freude sei dabei kein Begleiteffekt, sondern essenziell: „Sie ist der Dünger des Hirns“, sagt er. „Wer begeistert, wirkt. Nicht über Druck, sondern über Energie.“ Und recht hat er: Diese Energie – dieses Shining – spürte ich bei all meinen Interview-Partnerinnen und -Partnern, und Christian findet dafür auch gleich die richtigen Worte: „Wir brauchen Führungskräfte, die weinen, lachen und bereit sind, mit dem Leben zu tanzen.“
„Walking Dead“ nennt Helmy Abouleish all jene, die das nicht können, die ohne freudvollen Purpose durchs Leben gehen.

„Manchmal braucht es eine ‚Burning Platform‘, um ins Tun zu kommen – einen Punkt, an dem man zündet.“ Helmy möchte mit SEKEM aber kein isoliertes Leuchtfeuer sein, sondern ein Initialzünder für Systemwandel. So erklärt er, wie wenig wir letztlich von dem wüssten, was uns wirklich nährt: „Was ernährt mich an den Pflanzen oder dem, was ich esse? Ist es die Materie, sind es die Mineralien? Oder ist da noch eine andere Qualität dahinter, die uns Gesundheit verleiht und uns Lebenskraft und Lebensfreude gibt?“ Seine Schlussfolgerung dazu ist ebenso visionär wie radikal: „Es ist komplex: wir müssen die Brücke schlagen zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft, zwischen Spiritualität und dem materiellen Leben um uns herum. Nur dann werden wir auf ein gesundes Verhältnis kommen, das es braucht.“

Die Komplexität unserer Welt ist es, die auch Markus Stelzmann antreibt. Er sieht seine Aufgabe darin, andere zu ermutigen, Komplexität zu akzeptieren – und zu denken. „Wir versuchen permanent gesellschaftlich, alles auf drei Topics herunterzubrechen“, klagt er. Die Vielschichtigkeit der Welt würde reduziert auf einige wenige, scheinbar handhabbare Kernthemen – oft mit der Absicht, Unsicherheiten auszublenden und den Eindruck von Kontrolle zu erzeugen. „Nehmt die Komplexität an! Und fangt halt in irgendeinem Quadranten an und seid dort mutig, gestaltet und gebt der Welt mehr Sicherheit.“ Und weiter: „Ich versuche, anderen zu vermitteln, nicht zu klagen, sondern dass es sich lohnt, anzufangen.“

Damit spricht er Katharina Heil aus der Seele, sie glaubt ebenfalls an die Kraft im Kleinen. Ihr Appell ist leiser, aber eindringlich: „Warte nicht, bis es perfekt ist. Fang einfach an – mit dem, was dir möglich ist.“ Purpose hänge unmittelbar mit den eigenen Fähigkeiten zusammen, ist damit tiefes inneres Wissen, ein ständiger Abgleich mit dem eigenen Empfinden: „Wie passt das zu mir? Wie ist das Setting rundum? Wie fühle ich mich dabei? Fühlt es sich richtig an?“ Spaß sei dabei nicht der springende Punkt: „Lebenssinn bedeutet für mich, dass man ein Gleichgewicht zwischen Aufwand und Bedeutung erlangt. Was ich mache, hat einen Wert – das kann durchaus sehr ernst auch sein und auch anstrengend. Aber dieser Krafteinsatz macht mir nichts aus, der ermüdet mich nicht, sondern er stärkt mich – wie ein sich permanent wiederaufladender Akku.“

Auch Ulli Retter hat in diesem Sinne eine innere Kraftquelle: die Verbindung mit den Menschen: „Mein Tag hat oft sechzehn, manchmal achtzehn Stunden, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich morgens je gesagt hätte: ‚Oje, muss ich wirklich schon wieder arbeiten?‘ Dazu freu ich mich viel zu sehr auf die Begegnungen mit unseren Gästen und Lieferanten, auf die Zusammenarbeit mit unserem tollen Team. Wenn du dich mit den Menschen nämlich wirklich beschäftigst, wenn du ihnen deine Energie und Aufmerksamkeit schenkst, wenn du ihnen zeigst ‚Du bist mir nicht egal‘ oder ‚Danke, das hast Du toll gemacht‘, dann begegnet man am Ende des Tages vielen aufrechten, schönen Menschen, auf die man stolz sein kann.“ Eine große persönliche Niederlage sei es für Ulli allerding immer dann, wenn sie ihre Achtsamkeit verliert: „Tja, das passiert schon mal, wenn man so im Tun ist – man übersieht etwas, legt es auf die Seite, vergisst jemanden … Aber das mache ich später dann wieder gut, ganz sicher!“

Julia Fandler spricht in dem Zusammenhang von ihrem kleinen persönlichen Vermächtnis. „Ich möchte Spuren hinterlassen. Nicht auf Papier – sondern in den Herzen.“ Ihre Öle trügen nämlich nicht nur einen guten Geschmack, sondern einen harmonischen Dreiklang: Erdung, Achtsamkeit, Ge meinschaft – erst das Zusammenwirken dieser Werte entfache in ihr die ganze Freude schöpferischen Miteinanders: „Hach“, freut sie sich, „da macht es doch absolut Sinn, ein Unternehmen zu leiten – ich möchte nichts alleine machen. Ich bin ein richtiges Rudeltier!“

Ebenfalls wie eine richtig große Familie, die er um nichts missen möchte, sind für Christoph Kasslatter seine 13.000 Mitarbeitenden. „Das Miteinander mit den Menschen und mein eigener Purpose, das hängt, glaube ich, sehr, sehr eng zusammen“, sagt er. „Wir sind ja ein Familienunternehmen, haben selbst zwei Kinder von 12 und 9 Jahren, da ist es irgendwie in meiner DNA drin, nachhaltiger zu denken und nicht nur quartalsgetrieben. Wir denken und handeln für Menschen – und die haben ihrerseits ja auch wieder Kinder.“ Dies ergänzend, bringt Christoph noch eine weitere Dimension ins Spiel: Für ihn ist Führung vor allem Beziehungsarbeit. Heutzutage gehe es mehr denn je um Zuhören, Verstehen und das Zulassen von Fehlern. Die gemeinsame Schlagkraft bei Markas entstehe allein durch Beziehungen, in denen Menschen gesehen werden – nicht bewertet. „Wir betreiben in unserer Firma ja keine Atomwissenschaft, wir kochen, putzen, pflegen – deswegen: Je einfacher die Sachen sind, desto mehr muss halt trotzdem eine Konstanz und gegenseitige Abstimmung dahinter sein, das Kümmern jeden Tag von Neuem, bis in die kleinsten Abläufe. Wenn das ganze Team dann wie ein Räderwerk läuft, das macht Spaß!“

Derlei Dinge könne man nicht einfach messen, meint Martin Reichle. „Unser materialistisch-mechanistisches Weltbild zeichnet sich ja dadurch aus, dass man alles messen und beweisen kann. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Denn das wirklich Spannende, das Zwischenmenschliche, die Schaffenskräfte und Energien eines Unternehmens sind eben nicht messbar, das sind so diese feinstofflichen Themen.“ Was man aber tun könne, wäre hineinzugehen in ein Unternehmen und zu spüren, die „Schwingung“ in sich aufzunehmen. „Die Welt, in der wir leben, ist zu sehr im Kopf. Wir sollten mehr ins Herz kommen, in die Achtsamkeit, in die Balance. Erfolg ist immer eine Kombination aus feinstofflich und grobstofflich.“ Dass das jetzt schon fast esoterisch klingt, ist Martin klar. Dennoch betont er: „Das Leben beginnt doch erst dort – alles andere, das ist nur materialistisch!“

Vor der Berührung mit sogenannter Esoterik hat auch Johann Haberl keine Angst; Energien und Schwingungen gehören in seinem Wellness- und Heilthermen-Resort zum täglichen Dienst an anderen. Johann sagt ganz klar: „Ich verfüge über mehrere Komponenten: Ich habe einen Körper, einen Verstand und Gefühle. Und ich bin Energie. Irgendwann kommt es zur Entkörperung, irgendwann einmal – aber nur der Körper vergeht, die Seelenenergie bleibt bestehen, sie lebt weiter. Wenn ich zu Lebzeiten an dieser Energie andocken kann, geht alles leichter.“ Berührung sei deshalb das A und O – und zwar Eigenberührung: „Wir wollen immer andere berühren, aber ich berühre mich selbst. Ich bin als Seele in meinem Körper und verfüge über meinen Geist. Mit dieser Klarheit kommt jeder in seine Kraft. Ich bin also nicht der Körper, sondern ich habe einen Körper und weitere Werkzeuge – das sind Gedanken und Gefühle. So habe ich als Seele die Möglichkeit, meinen Körper selbst zu heilen. Dann bin ich in der Umsetzung stark.“ Führung ist für Johann somit ein konzentrierter, feinstofflicher Akt. Aus diesem Grund meditiere er auch sehr viel. Dies sei eines seiner Geheimnisse: Er durchlebe mental so einiges vorab und vieles bewahrheite sich tatsächlich.

Erwin Thoma kennt dieses Prinzip gut und erinnert sich an seine Jugendzeit, als er in einer Vollmondnacht ohne Sicherung seinen ersten Free-Solo-Aufstieg in den steilen Gletschereiswänden gemacht hatte. „Das waren unglaubliche Erfahrungen: Du bist in diesem kalten, blauen Eis, in totaler Konzentration. Und du musst ganz bei deinem Thema bleiben, weil du es dir nicht leisten kannst, etwas anderes zu denken, um unbeirrt Schritt für Schritt dein Ziel zu erreichen, egal was kommt.“ Dies habe ihn für sein späteres Leben tief geprägt, und er bestätigt: „Es kann nur Wirklichkeit werden, was wir vorher in Gedanken erlebt haben“, sagte er. „Wenn es gelingt, einigermaßen Klarheit in den Gedanken zu halten, dann hat man vermutlich die größte Energiequelle des eigenen Lebens erschlossen.“

Wohl denn, gehen wir’s an – mit mehr Klarheit und Konzentration, mit mehr Eigenberührung, Resonanz, Feinstofflichkeit, Fehlermut und der ganzen Freude des schöpferischen Miteinanders. Doch ob als freudigen Dienst, als Seelenplan oder indem man die Natur als Lehrmeister sieht oder die
Komplexität als Challenge annimmt – alle hier beschriebenen Motive und Wege sind mehr als nur Einzelfälle: Sie stehen repräsentativ und stellvertretend für einen weltweiten kollektiven Aufruf des Wandels. Alle Stimmen für eine hellere Zukunft, die wir soeben gehört haben, sprechen eine deutliche Sprache: Purpose ist keine Trophäe, die man sich ansteckt, nichts, das man sich ausdenkt – sondern ein Ruf, dem man mit Verantwortung fürs eigene Glück und das Wohl aller folgt.

Doch warum haben so viele Menschen ihren Purpose noch nicht gefunden? Vielleicht, weil sie nicht hören, wenn er ruft? Womöglich, weil die Welt zu laut ist?
„Viele leben einen Lebenslauf, aber keinen Lebenssinn“, sagt Christian Lagger. „Sie optimieren, perfektionieren – aber nicht das, was sie wirklich sind.“ Und Jürgen Flicker und Johannes Kielnhofer warnen: „Wenn du deinen Purpose kennst, kannst du andere inspirieren, ihren zu finden. Aber wenn du ihn nicht kennst, dann bist du leicht zu steuern – von außen, von Systemen, von Ängsten. Wer will das schon?!“ Martin Reichle drückt es so aus: „Wenn du deinem inneren Feuer nicht folgst, verlierst du irgendwann die Freude. Und ohne Freude fehlt dir die Energie.“ Für ihn ist Purpose eine absolute Energiequelle: „Wenn du weißt, wofür du gehst, gehst du endlos weiter.“ Abschließend dazu noch einmal Erwin Thoma: „Es ist nicht so sehr der Sternenblitz, der vom Himmel auf den Menschen fällt, und der ist dann erleuchtet, während alle anderen noch im Dunkeln sitzen, gar nicht! Es ist meine eigene Entscheidung, die ich jeden Tag treffe.“ So, und jetzt sind Sie dran …

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